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Dienstag, 5. Februar 2019, 18.00 und 20.30 Uhr
Wiesbadener Erstaufführung
ROMA
Deutscher Titel: Roma

Mit Yalitza Aparício, Marina de Tavira, Diego Cortina Autrey, Carlos Peralta, Marco Graf
Produktionsdesign: Eugenio Caballero
Producer: Nicolás Celis, Alfonso Cuarón, Gabriela Rodriguez
Drehbuch, Regie, Kamera: Alfonso Cuarón
Mexiko / USA 2017, 135 Min.
Spanischsprachige Originalversion mit deutschen Untertiteln

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”Roma” ist ein fiktionaler Rückblick des Oscar-Preisträgers Alfonso Cuarón (”Gravity”, ”Y tu mamá también”) auf die Welt seiner Kindheit in den frühen siebziger Jahren in Mexiko City. Es sind zwei Frauen, die ihn geprägt und seine Erinnerungen geformt haben. ”In luziden Schwarzweiß-Bildern entfaltet sich ein fesselndes Zeitbild, das durch seine Bild- und Tongestaltung ebenso fasziniert wie durch seine sensiblen Figuren” (epd Film). ”Weil Alfonso Cuarón schon länger zu den großen Autorenfilmern des Kinos gehört - in einer Reihe mit FranÒ«ois Truffaut, Federico Fellini oder Ingmar Bergman - liegen auch die Verbindungen zu deren stark autobiografischen Filmen auf der Hand. ‘Roma’ ist in gewisser Weise seine Variante von Les quatre cents coups” (Sie küßten und sie schlugen ihn)” (Süddeutsche Zeitung).

Hauptdarstellerin Yalitza Aparicio als Hausmädchen Cleo in ihrem Filmdebüt

Mit geschlossenen Augen auf einem Bein stehen - das sieht nicht nach einem großen Kunststück aus. Wenn man es selbst probiert, merkt man schnell, wie schwierig es ist. Dementsprechend erlebt man ein elendes Schwanken und Stolpern, als eine Klasse von Martial-Arts-Schülern versucht, ihrem Meister diese scheinbar so simple Übung nachzumachen. Nur eine steht am Rande des Feldes, auf dem die Schüler trainieren: Cleo, ein Hausmädchen aus dem nahen Mexiko City, das eigentlich nur zu Besuch ist, um seinen Ex-Freund zu sehen, ruht in sich wie ein Baum.

Diese Szene ist einer jener Momente in Alfonso Cuaróns ”Roma”, in denen der Realismus ins Magische spielt und die Protagonistin etwas Überlebensgroßes ausstrahlt, sozusagen von der Liebe verklärt, mit der Cuarón sie betrachtet.

Im Vergleich zu Cuaróns englischsprachigen Filmen (”Gravity”, ”Harry and the Prisoner of Azkaban”) erzählt ”Roma” eine sehr bescheidene Geschichte. Gedreht in Mexiko City und benannt nach jenem Stadtteil der Metropole, in dem der Regisseur aufwuchs, entfaltet der Film einen fiktionalisierten Rückblick auf die Kindheit des Filmemachers in den 1970er-Jahren, mit einem sehr genauen Blick auf die sozialen Verhältnisse. Aber ”Roma” ist auch eine Liebeserklärung, eine Hommage an die Frauen, die Cuarón aufgezogen haben, vor allem aber das indigene Hausmädchen, das im Film Cleo heißt und von der [mixtekischen] Laiendarstellerin Yalitza Aparicio verkörpert wird.

Der Moment, in dem die junge Frau mit geschlossenen Augen auf einem Bein steht, markiert das, worum es Cuarón mit diesem Film geht: die Feier einer Lebensleistung, die unscheinbar und leicht zu übersehen ist, aber den größten Respekt verdient.

Zusammen mit einer Freundin arbeitet Cleo für eine wohlhabende Mittelstandsfamilie, die Cuaróns eigener Familie angelehnt ist, und hilft deren Mutter Sofia, ihre vier Kinder zu erziehen. ”Roma” taucht in den Alltag dieses häuslichen Lebens ein und verfolgt, wie über den Graben, der Angestellte und Arbeitgeberin trennt und der auch ein Graben zwischen der indigenen und der spanischstämmigen Bevölkerung des Landes ist, hinweg Cleo und Sofia im Lauf der Handlung ähnliche Schicksalsschläge treffen: Cleo wird von ihrem Freund schwanger und daraufhin prompt sitzengelassen; Sofias Mann, ein Arzt, verläßt seine Familie von einem auf den anderen Tag.


Cleo (Yalitza Aparicio) mit Pepe (Marco Graf)

Und das in politisch schwierigen Zeiten: Die familiären Tragödien der Frauen überschneiden sich mit der Phase der Studentenproteste in der mexikanischen Hauptstadt, die demokratische Reformen in dem autoritär regierten Land einfordern, und mit dem brutalen Gegenschlag einer von der Regierung gestützten paramilitärischen Gruppe, der als ”Corpus Christi Massaker” (1971) in die mexikanische Geschichte eingegangen ist.

Cuarón verquickt diesen zeitgeschichtlichen Hintergrund in einer ebenso meisterhaften wie markerschütternden Sequenz direkt mit Cleos Geschichte, indem der Zeitpunkt, an dem bei dem schwangeren Hausmädchen die Wehen einsetzen, mit der gewaltsamen Eskalation in der mexikanischen Hauptstadt zusammenfällt und das Ende politischer Hoffnung mit dem verbindet, was Cleo zustößt.

Ausgestattet wurde ”Roma” von dem mexikanischen Production Designer Eugenio Caballero, der seine Kunst unter anderem schon in Guillermo Del Toros ”El laberinto del fauno” demonstrierte; das Mexiko City der 1970er-Jahre und Cuaróns Elternhaus werden ungemein sinnlich zum Leben erweckt. Cuarón hat den Film in luzidem Schwarzweiß gedreht. Zusammen mit dem exzellenten Sound-Design resultiert daraus ein Film, der durch seine schiere Poesie für sich einnimmt: Die Textur der Gegenstände, das Licht- und Schattenspiel im Innenhof und in den Räumen fordern von der Titelsequenz an ähnlich viel Aufmerksamkeit wie das Auf und Ab im Leben der Menschen, die sich darin bewegen. Ein Zeitbild voller Schönheit, in dem gelegentlich auch ein frecher Sinn für Humor aufblitzt - etwa wenn der Vater in dem Augenblick, als er zum ersten Mal im Film auftaucht, zunächst nur durch seinen protzigen Ford in Szene gesetzt wird, der für die häusliche Einfahrt viel zu breit ist.

”Roma” ist aber auch ein Zeitbild, das nichts beschönigt. Sofia und Cleo mögen den Katastrophen, die sie treffen, zwar dadurch begegnen, daß sie sich solidarisieren und umso fester zusammenhalten, doch die unsichtbare soziale Grenze, die zwischen ihnen besteht, wird nie ganz überwunden, was der Film trotz aller Poetik sehr deutlich und illusionslos festhält.

Felicitas Kleiner: Filmdienst, Bonn

Entspannung: Cleo (Yalitza Aparicio), Pepe (Marco Graf)

Alfonso Coarón: [...] Mit der Idee zu dieser Geschichte habe ich über viele Jahre immer wieder gespielt; irgendwann kommt man in ein Alter, in dem man sich seiner eigenen Vergangenheit stellt und mit dem eigenen Leben, seinem Land und seiner Gesellschaft beschäftigt.

Es ist ein Film über Erinnerung, aber die kann nur aus der Perspektive der Gegenwart existieren - ein Jetzt, das auf das Gestern zurückblickt. Ich wollte keinen nostalgischen Film machen. Damit meine ich eine subjektive Reise in die Vergangenheit, die auf der emotionalen Erfahrung einer Hauptfigur basiert. Das wäre der Hollywoodansatz - Serien und Filme wie ”Wonder Years” oder ”Summer of ’45”. Wenn ich aus der Gegenwart über die Vergangenheit reflektiere, geht es auch um mein Verständnis meiner heutigen Situation und meiner Narben. Ich setzte mich mit einer Zeit in meinem persönlichen Leben auseinander, die in meiner ganzen Familie Leid hinterließ. Zugleich geht es um eine Art Erwachen, weil ich damals erkannte, daß es eine Welt außerhalb der Blase gab, in der ich lebte.

Und das Fronleichnam-Massaker [1971] hat definitiv eine Narbe im kollektiven Bewußtsein der mexikanischen Gesellschaft hinterlassen. Mexiko ist ein Land mit vielen Brüchen und Traumata, aber dieses Massaker war sehr prägend. Zwei Jahre zuvor fand das Massaker von Tlatelolco statt, bei dem in dem Stadtteil von Mexico City Hunderte friedlich demonstrierende Studenten von Sicherheitskräften und Militärs getötet wurden. Das führte dazu, daß Studenten vehement demokratische Reformen verlangten. Viele von ihnen radikalisierten sich und traten der Guerilla bei. Diese Umwälzungen in der mexikanischen Gesellschaft sind bis heute spürbar. Der Wandel, der durch die Bundeswahlen im Juli und den Sieg des Linken Andrés Manuel López Obrador als neuer Präsident nun hoffentlich einsetzt, hat viel mit dem zu tun, was vor fast 50 Jahren passiert ist. [...]

A.C.: Ich habe eine klare Vorstellung davon, was eine Szene benötigt; ich folge einem strikten Fahrplan, was mir zugleich ermöglicht, einen gewissen Grad an Improvisation zuzulassen. Diesmal aber war vieles anders. Zum einen habe ich das Drehbuch intuitiv geschrieben, ich wollte, daß es sehr viel mit Erinnerung und Unbewußtem zu tun hat. Bevor ich anfing zu schreiben, habe ich in meinen Erinnerungen gewühlt und denen der realen Person, auf der die Hauptfigur, die Kinderfrau Cleo, im Film basiert. Ich versuchte die Lücken in meinem Verständnis über diese Frau zu schließen, die ich mein Leben lang kenne und liebe. Plötzlich erkenne ich Dimensionen an ihr, von denen ich nicht wußte, daß sie existieren. Ein anderer Unterschied: Niemand hatte das Drehbuch, weder die Schauspieler noch die Crew. Wir drehten strikt in chronologischer Reihenfolge, und so lernten alle Tag für Tag neu, was sie tun.


Alfonso Cuarón mit Yalitza Aparicio am Set

Ich gab jeden Morgen einigen der Schauspieler den geschriebenen Dialog, aber nur wenigen. Und ich probte nie mit der ganzen Gruppe, sondern mit Einzelnen. Ich gab individuell spezifische Anweisungen oder erklärte, was in der Szene passiert. Aber das meiste davon widersprach dem, was ich einer anderen Person gesagt hatte. Damit kreierte ich ein lebendiges Chaos vor der Kamera. Für die Laiendarsteller war das normal; sie dachten, so dreht man eben Filme. Marina de Tavira dagegen, die im Film die Mutter spielt, fiel es anfangs sehr schwer. Sie ist die einzige ausgebildete Schauspielerin in der Besetzung, und in der ersten Woche der Dreharbeiten versuchte sie, alles zu kontrollieren. Sie hat wirklich gelitten. Aber schließlich erkannte sie, daß es ums Loslassen geht. Für mich war der Prozeß völlig instinktiv. Meine Hoffnung ist, daß die Zuschauer dadurch nicht nur eine Verbindung zum Film selbst aufbauen, sondern vor allem zu ihren eigenen Erinnerungen und ihrem Unbewußten. Denn am Ende sind die realen und die unbewußten Erfahrungen dasselbe. Und wir alle machen ähnliche Erfahrungen im Leben, auch wenn sich die Anekdoten unterscheiden. Ich bemerke das, wenn Menschen aus den unterschiedlichsten Kulturen und Ländern mir sagen, wie sehr ”Roma” sie berührt hat. Aber jeder spricht dabei von etwas anderem. Der Film scheint wie ein Gefäß zu sein, das der einzelne Zuschauer mit seinen eigenen Erfahrungen füllt. Und das freut mich.

A.C.:[...] Es war mein ganz subjektiver Wunsch, die reale ”Cleo” besser zu verstehen und ihr den Respekt zu erweisen, den sie verdient. Der Film gab mir die Möglichkeit dafür, und ich hatte als Regisseur das unglaubliche Privileg, in langen Gesprächen in ihre Erinnerungen einzutauchen und mehr über ihr Leben außerhalb meiner beschützten Blase zu erfahren. Zugleich ist ihr Leben komplett mit dem meiner biologischen Mutter verbunden, also weitete sich die Geschichte natürlich auch auf sie aus. Aber meine Intention war nie so etwas wie eine Hommage oder ein ”Liebesbrief”. Das wäre grotesk. Und ich freue mich, daß das weibliche Publikum den Film auch als etwas sehr viel Universelleres wahrnimmt. [...]

Thomas Abeltshauser (Interviewer) epd Film, Frankfurt am Main
Auszeichnungen (Auswahl):

Golden Globe für die beste Regie und für den besten fremdsprachigen Film, Golden-Globe-Nominierung für das Drehbuch; Goldener Löwe für den besten Film beim Internationalen Filmfestival und Signis Award beim Festival in Venedig; Special Award des American Film Institute; British Independent Film Award für den besten Film, die beste Regie, die beste Darstellerin (Yalitza Aparicio) und den besten fremdsprachigen Film; Critics’ Choice Award (USA): Bester Film, Bester Fremdsprachiger Film, Regie und Kamera; die Preise der Kritikerzirkel von New York, Florida, Los Angeles, San Franzisko, Chikago, Philadelphia, Seattle, Washington DC, Las Vegas, Kansas, Toronto und Vancouver, jeweils für den besten Film des Jahres; Platz eins bei der internationalen Kritikerumfrage der Zeitschrift Sight & Sound, London, nach den besten Filmen 2018.

Mexiko / USA 2017. Produktionsfirmen: Esperanto Filmoj / Participant Media. Copyright: Espectáculos Fílmicos El Coyúl, S.De R.L. De C.V. Geschäftsführende Producer: Jonathan King, David Linde, Jeff Scoll. Producer: Nicolás Celis, Alfonso Cuarón, Gabriela Rodigruez. Associate Producer: Carlos A. Morales, Sandino Saravia Vinay, Alice Scandellari Burr. Drehbuch, Regie, Kamera: Alfonso Cuarón. Erster Regieassistent: René Villarreal. Filmschnitt: Alfonso Cuarón, Adam Gough. Produktionsdesign: Eugenio Caballero. Art Direction: Carlos Benassini, Oscar Tello. Set Decoration: Barbara Enriquez. Kostümdesign: Anna Terrazas. Supervisor Kostüme: Claudia Sandoval. Frisuren: Elena López, Beatriz Vera, Emma Canchola. Tondesign: Sergio Diaz. Production Sound Mixer: José Antonio García. Musiksupervisor: Lynn Fainchtein. Tonschnitt: Sergio Diaz (Supervision), Steve Browell, Javier Quesada, Liliana Villasenor. Tonmischung: Craig Henighan. Special Effects Supervisor: Alex Vasquez. Visual Effects Supervisor: Miguel De Hoyos, Dave Griffiths, Sheldon Stopsack. Stunt Coordinator: Gerardo Moreno. Postproduction Supervisor: Carlos A. Morales. Animation: Ezra Waddell. Casting: Luis Rosales. Script Supervisor: Natalia Moguel.

Darsteller: Yalitza Aparicio (Cleo), Marina de Tavira (Sra. Sofia), Diego Cortina Autrey (Toño), Caros Peralta (Paco), Marco Graf (Pepe), Daniela Demesa (Sofi), Nancy García García (Adela), Verónica García (Sra. Teresa), Andy Cortés (Ignacio), Fernando Gredíaga (Sr. Antonio), Jorge Antonio Guerrero (Fermín), José Manuel Guerrero Mendoza (Ramón), Latin Lover (Profesor Zovek), Zarela Lizbeth Chinolla Arellano (Dra.Velez), José Luis López Gómez (Pediatra), Edwin Mendoza Ramírez (Médico Residente), Clementina Guadarrama (Benita), Enoc Leano (Político), Nicolás Peréz Taylor Félix (Beto Bardo), Kjartan Halvorsen (Ove Larsen) u.a.

Vorführformat: DCP. Schwarzweiß. Originalfilmformat: 70 mm. Tonformat: Dolby Atmos. Locations: Mexico City, Distrito Federal; 22 Tepeji, Roma Sur, Siudad de México. Budget: $15 Millionen. Drehzeit: 108 Tage (bis 14.3.2017). Filmextrakte: Marooned (1969); La Grande Vadrouille (1966); Chucho el Roto (1934). Uraufführung: 30.8.2018, Internationales Filmfestival Venedig. Deutsche Erstaufführung: 30.9.2018, Filmfest Hamburg. Deutschlandstart: 14.12.2018; Vertrieb: Netflix.