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Freitag, 24. Februar 2012, 19.30 Uhr
Rhein-Main-Kinopremiere: Verkannte Filme (56)
LA PRINCESSE DE MONTPENSIER
Deustcher Titel: Die Prinzessin von Montpensier
Historisches Liebesdrama mit Mélanie Thierry, Lambert Wilson, Gaspar Ulliel, Grégoire Leprince-Ringuet
Originalmusik: Philippe Sarde
Drehbuch: Jean Cosmos, François Olivier Rousseau und Bertrand Tavernier nach einer Novelle von Madame de La Fayette
Producer: Eric Heumann
Regie: Bertrand Tavernier
Frankreich/Deutschland 2009, 139 Min.
Französische Originalversion mit deutschen Untertiteln

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Eine Liebespassionsgeschichte zur Zeit der Französischen Religionskriege des 16. Jahrhunderts, die in der Bartholomäusnacht von 1572 mündeten. Sie geht auf eine Novelle von Madame de La Fayette, der Autorin des späteren, bahnbrechenden Romans ”La Princesse de Clèves”, zurück. Mélanie Thierry verkörpert eine junge Adelige, deren Schönheit die Männer verfallen, und die selbst immer wieder über ihre Gefühle stolpert. Regie führte Bertrand Tavernier, der ”heute wichtigste französische Regisseur der ersten Generation nach der ’Nouvelle Vague’” (Rüdiger Suchsland: Artechock).
Eine der Hauptrollen spielt der namhafte französische Schauspieler Lambert Wilson, bei uns zuletzt zu sehen in ”Des hommes et des dieux” (”Von Menschen und Göttern”).
”La Princesse de Montpensier” erhielt in Frankreich sechs ”César”-Nominierungen und lief im Wettbewerbsprogramm in Cannes, erfährt aber hierzulande durch den Verleih nur eine Pro-forma-Kinoauswertung.

Links: Marie de Mézières (Mélanie Thierry) und ihr Geliebter, der Herzog von Guise (Gaspard Ulliel). - Rechts: Graf Chabannes (Lambert Wilson) ist ihr Lehrmeister. Er ist in Marie verliebt, doch sie weist ihn ab.
Einmal hat die Prinzessin von Montpensier eine Audienz bei Katharina de’ Medici. Die Königin von Frankreich, eine Wolke aus dunklem Brokat, sitzt zwischen ihren Pagen auf einem Thron und schwadroniert mit italienischem Akzent über den Einfluß der Sterne auf den Charakter. Im Nebenraum hört man ihren Sohn, den König, husten. ”Bringt den Hustensaft!” Dann ist die Audienz vorbei. Röcke rauschen, Schuhe klappern über den Boden, der Staat hat Wichtigeres zu tun.

Die große Geschichte, der Tanz der Nationen, spielt eine Nebenrolle in Bertrand Taverniers ”Prinzessin von Montpensier”. Am Anfang des Films sieht man ein mit Leichen bedecktes Schlachtfeld, später gibt es ein Gefecht an einem kleinen Fluß, aber wer hier gegen wen kämpft und warum, bleibt ungeklärt. Auch religiöse Fragen treten nur am Rande auf. Die Realpräsenz, heißt es einmal, sei die Verwandlung von Brot und Wein in Christi Fleisch und Blut beim Abendmahl, und daran müsse man eben glauben, basta. Taverniers Film führt uns mitten in die Hugenottenkriege, in die Jahre vor und nach der Bartholomäusnacht von 1572, aber der Anlaß all der Intrigen und Gemetzel ist dem Erzähler kaum der Rede wert. Es geht um Kreuz, Kelch und Hostie, aber es könnte auch um Strumpfbänder und Bettlaken gehen. Das Ergebnis, Unglück und Tod, wäre dasselbe.

Nur eine Figur trifft eine Gewissensentscheidung in der Geschichte, und mit ihr kommt alles in Gang. Als der Graf von Chabannes (Lambert Wilson) erkennt, daß er im Handgemenge ein Kind und seine schwangere Mutter getötet hat, sinkt er in die Knie, säubert seinen Degen und entsagt dem Krieg. Mit dieser Barbarei sei für ihn Schluß, erklärt der alte Kämpe, aber bei seinen Hugenottenbrüdern stößt sein Feingefühl auf taube Ohren, sie verbannen ihn von seinem Besitz. Auf der Landstraße fällt er unter die Räuber und wird knapp von seinem einstigen Schüler und jetzigen Glaubensfeind Philippe von Montpensier (Grégoire Leprince-Ringuet) gerettet. Chabannes schließt sich dem katholischen Prinzen an, der kurz vor seiner Heirat mit der reichen Marie de Mézières (Mélanie Thierry) steht. Marie aber vergöttert Henri de Guise (Gaspard Ulliel), einen Kriegsprotz und Anführer der Katholiken am Hof. Die Heirat wird dennoch arrangiert.

Das klingt vertrackt, aber im Grunde läßt sich die Geschichte, mit der die schriftstellernde Gräfin von La Fayette im Jahr 1662 das Genre der moralischen Erzählung begründete, auf eine schlichte Formel bringen: eine Frau zwischen drei Männern. Den einen liebt sie, den anderen heiratet sie, der dritte wird ihr Lehrer. Denn schon kurz nach der Hochzeit, die Tavernier als hochnotpeinliches Gelage mit öffentlicher Defloration und anschließender Inspektion des Lakens inszeniert, muß der Prinz von Montpensier wieder in den Kampf gegen die Hugenotten ziehen. Seine Braut sendet er zu ihrem Schutz auf ein abgelegenes Schloß, und zu ihrem Erzieher bestimmt er seinen Freund Chabannes.

Er lehrt sie das Wissen seiner Zeit: Latein, Poesie, Astrologie. Nachts stehen sie im Schloßgarten und betrachten den Sternenhimmel. Was die Sterne uns lehrten, fragt Marie. Gehorsam, antwortet Chabannes, und Bescheidenheit. Es ist klar, daß er sie liebt, und daß diese Liebe keine Chance hat. Dennoch gesteht er sie, und Marie weist ihn ab: ”Ich habe eure Worte bereits vergessen. Wir reden nie mehr davon.” Der Film aber hört nicht auf, davon zu reden, er betrachtet Marie durch den Blick von Chabannes. Was er sieht, ist die Tragödie eines Herzens, das in sich selbst keinen Halt hat und deshalb an der Welt zerbricht. [...]

Als Tavernier das Projekt, zu dem es bereits ein fertiges Drehbuch gab, übernahm, strich er alle dramaturgischen Ergänzungen aus dem Skript heraus. Kulissenzauber und historistischer Prunk haben diesen Regisseur nie gereizt. Was ihn interessiert, ist das Weltgefühl seiner Helden, die Art, wie sie Landschaften wahrnehmen, Entfernungen, Räume. Ein großer Teil des Geschehens in ”Die Prinzessin von Montpensier” spielt sich im Reiten oder Laufen ab, die Menschen reden, lieben und kämpfen, während sie unterwegs sind. Ständig sind Wagen und Pferde zu sehen, bei den Festen des Adels wimmelt es von Dienern, jeder Luxus wird mit menschlicher Mühsal bezahlt.

Dann wieder sind die Säle und Treppen des Schlosses leer, in dem der Herzog von Anjou, der künftige König, mit seiner Entourage übernachtet, und durch die Wände ihres Gemachs hören die Gäste den Streit der Eheleute von Montpensier eine Etage höher. Drückende Enge und grausige Leere, Schreie und Flüstern - es gibt nur Extreme in dieser Welt, in der die Nähe des Todes das Fieber des Lebens anheizt, die Gier nach ehebrecherischen Umarmungen, geraubten Küssen, Liebesworten unter Masken. Durch diesen Karneval der Sinne geht der Comte de Chabannes, einer jener großen Einsamen, an denen Taverniers Kino hängt, mit der Ungerührtheit eines Mannes, der alle Wünsche aufgegeben hat. Schon seine schwarze Kleidung, die sich von den Farbenspielen seiner Umgebung abhebt, weist ihn als Asketen aus.


Bild oben: Der Mann, den sie liebte, Herzog von Guise (Gaspard Ulliel); er trug den Spitznamen ”le balafré” (das Narbengesicht) und war ein wichtiger katholischer Führer in den Französischen Religionskriegen. - Bild unten: Marquise de Mézières (Florence Thomassin) und Marie (Mélanie Thierry).
Als die Prinzessin von Montpensier am Königshof ihre durch die Heirat unterbrochene Liaison mit Henri de Guise wieder anknüpft, opfert er sich, um ihren Betrug zu decken. Der düpierte Ehemann setzt den Freund vor die Tür, und Chabannes muß sich wieder als fahrender Ritter durchschlagen. In Paris, von wo er Marie durch Briefe vor den Machenschaften des Guise zu warnen versucht, gerät er in die Wirren der Bartholomäusnacht. Um eine Unbekannte vor dem Tod zu retten, steigt er vom Pferd und schlägt sich mit ihren Verfolgern. Es ist sein letztes Opfer.

”Und als sie nichts von dem fand, was sie sich gewünscht hatte, erschien sie sich selbst als die unglücklichste Frau der Welt ... Der Schmerz darüber, die Achtung ihres Ehemanns, das Herz ihres Geliebten und den besten aller Freunde verloren zu haben, zerbrach sie.” Bei Madame de La Fayette sinkt die untreue Marie am Ende ins Grab, bei Tavernier geht sie ins Kloster. Das ist die Konzession, die er seinem Publikum macht.

Ansonsten läßt er alles weg, was die Geschichte für Freunde der ”Borgia” und der 3D-”Musketiere” süffig machen könnte, Bettszenen, Knallereien, Kung-Fu-Gefuchtel, digitale Stadtpanoramen. Mit der wahren Freundschaft, wie sie der Graf von Chabannes verkörpert, teilt das gelungene Kostümkino die Kunst des Verzichts. Seine Form lebt von dem, was sie ausspart. Bertrand Tavernier beherrscht sie nach wie vor meisterhaft.

Andreas Kilb: Frankfurter Allgemeine Zeitung

Marie (Mélanie Thierry) wird auf Geheiß ihres Vaters, Marquis de Mézières, mit dem Prinzen von Montpensier (Grégoire Lepince-Riguet) verheiratet. Vorn stehend von links nach rechts: Marquise de Mézières (Florence Tomassin), Marquis de Mézières (Philippe Magnan), Duc de Montpensier (Michel Vuillermoz), Conte de Chabannes (Lambert Wilson).
Madame de La Fayette schrieb zwei Novellen von etwa dreißig Seiten, eine Art Vorbereitung auf die ”Princesse de Clèves”. In ihrer kondensierten Form finde ich die Novelle nicht weniger interessant als den Roman. Das waren in ihrer Art revolutionäre Bücher; zum ersten Mal ging es direkt um Gefühlszustände - ohne sich hinter Metaphern zu verstecken oder dramatische Konventionen zu bedienen. In gewissem Sinn legt das die Basis für die moderne Literatur. Zugleich schreibt sie über das16. Jahrhundert und die konfessionellen Bürgerkriege mit der Brille des 17. Diese Zeit unter Ludwig XIV. war im Vergleich viel puritanischer, viel moralisierender. Ich wollte die wahre Gewalt unter dieser sehr zivilisierten Oberfläche wieder zum Vorschein bringen. Es geht um Haß, Intoleranz; religiöse Ideologien, die sich zu Kriegen steigern; Liebe, Macht und Menschen, die zwischen Pflicht und Gefühl hin- und hergerissen sind. Man muß nur die altertümliche Sprache abstreifen und zum emotionalen Kern vorstoßen - dann ist die Modernität offenkundig.

[...] Meine Heldin ist meine Hauptfigur Marie. Ich bin heftig verliebt in sie. Sie ist eine Rebellin. Sie will die Ursache des jahrzehntelangen Krieges verstehen. Bildung ist für sie das einzige Mittel des Widerstands gegen das Schicksal. Eine sechzehnjährige Adelige im 16. Jahrhundert hat nicht mehr Rechte als heute die Tochter aus einer fundamentalistischen Familie aus dem Jemen. Man mußte Schreiben lernen - das galt auch für die Madame de La Fayette selbst: ein Mädchen aus kleinem Provinzadel. Was sollte schon aus der werden? Bildung war das Mittel der Befreiung. Und dann die Kunst. Daß eine Frau Novellen schrieb, war revolutionär, so revolutionär, daß sie die ersten Bücher anonym erscheinen ließ und lange Zeit abstritt, die Verfasserin zu sein. Denn daß eine Frau schrieb, war ein Angriff. Darum übertrug ich das auf die Hauptfigur. Und es ist keine totale Erfindung: In der Renaissance begannen adelige Frauen, schreiben zu lernen und sich dadurch zu emanzipieren.

Bertrand Tavernier: Frankfurter Allgemeine Zeitung
Interviewer: Rüdiger Suchsland
Auszeichnungen (Auswahl):César-Preis 2011 der Academie des Arts et Techniques du Cinéma für Kostümdesign; César-Nominierungen in den Kategorien Adaptiertes Drehbuch, Kamera, Art Direction, Musik und Vielversprechendster neuer Darsteller (Raphaël Personnaz); Nominierung für den Louis-Delluc-Preis für den besten Film des Jahres.