Originalmusik: Philippe Sarde
Drehbuch: Jean Cosmos, François Olivier Rousseau und Bertrand Tavernier nach einer Novelle von Madame de La Fayette
Producer: Eric Heumann
Regie: Bertrand Tavernier
Frankreich/Deutschland 2009, 139 Min.
Französische Originalversion mit deutschen Untertiteln
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Eine der Hauptrollen spielt der namhafte französische Schauspieler Lambert Wilson, bei uns zuletzt zu sehen in ”Des hommes et des dieux” (”Von Menschen und Göttern”).
”La Princesse de Montpensier” erhielt in Frankreich sechs ”César”-Nominierungen und lief im Wettbewerbsprogramm in Cannes, erfährt aber hierzulande durch den Verleih nur eine Pro-forma-Kinoauswertung.

Die große Geschichte, der Tanz der Nationen, spielt eine Nebenrolle in Bertrand Taverniers ”Prinzessin von Montpensier”. Am Anfang des Films sieht man ein mit Leichen bedecktes Schlachtfeld, später gibt es ein Gefecht an einem kleinen Fluß, aber wer hier gegen wen kämpft und warum, bleibt ungeklärt. Auch religiöse Fragen treten nur am Rande auf. Die Realpräsenz, heißt es einmal, sei die Verwandlung von Brot und Wein in Christi Fleisch und Blut beim Abendmahl, und daran müsse man eben glauben, basta. Taverniers Film führt uns mitten in die Hugenottenkriege, in die Jahre vor und nach der Bartholomäusnacht von 1572, aber der Anlaß all der Intrigen und Gemetzel ist dem Erzähler kaum der Rede wert. Es geht um Kreuz, Kelch und Hostie, aber es könnte auch um Strumpfbänder und Bettlaken gehen. Das Ergebnis, Unglück und Tod, wäre dasselbe.
Nur eine Figur trifft eine Gewissensentscheidung in der Geschichte, und mit ihr kommt alles in Gang. Als der Graf von Chabannes (Lambert Wilson) erkennt, daß er im Handgemenge ein Kind und seine schwangere Mutter getötet hat, sinkt er in die Knie, säubert seinen Degen und entsagt dem Krieg. Mit dieser Barbarei sei für ihn Schluß, erklärt der alte Kämpe, aber bei seinen Hugenottenbrüdern stößt sein Feingefühl auf taube Ohren, sie verbannen ihn von seinem Besitz. Auf der Landstraße fällt er unter die Räuber und wird knapp von seinem einstigen Schüler und jetzigen Glaubensfeind Philippe von Montpensier (Grégoire Leprince-Ringuet) gerettet. Chabannes schließt sich dem katholischen Prinzen an, der kurz vor seiner Heirat mit der reichen Marie de Mézières (Mélanie Thierry) steht. Marie aber vergöttert Henri de Guise (Gaspard Ulliel), einen Kriegsprotz und Anführer der Katholiken am Hof. Die Heirat wird dennoch arrangiert.
Das klingt vertrackt, aber im Grunde läßt sich die Geschichte, mit der die schriftstellernde Gräfin von La Fayette im Jahr 1662 das Genre der moralischen Erzählung begründete, auf eine schlichte Formel bringen: eine Frau zwischen drei Männern. Den einen liebt sie, den anderen heiratet sie, der dritte wird ihr Lehrer. Denn schon kurz nach der Hochzeit, die Tavernier als hochnotpeinliches Gelage mit öffentlicher Defloration und anschließender Inspektion des Lakens inszeniert, muß der Prinz von Montpensier wieder in den Kampf gegen die Hugenotten ziehen. Seine Braut sendet er zu ihrem Schutz auf ein abgelegenes Schloß, und zu ihrem Erzieher bestimmt er seinen Freund Chabannes.
Er lehrt sie das Wissen seiner Zeit: Latein, Poesie, Astrologie. Nachts stehen sie im Schloßgarten und betrachten den Sternenhimmel. Was die Sterne uns lehrten, fragt Marie. Gehorsam, antwortet Chabannes, und Bescheidenheit. Es ist klar, daß er sie liebt, und daß diese Liebe keine Chance hat. Dennoch gesteht er sie, und Marie weist ihn ab: ”Ich habe eure Worte bereits vergessen. Wir reden nie mehr davon.” Der Film aber hört nicht auf, davon zu reden, er betrachtet Marie durch den Blick von Chabannes. Was er sieht, ist die Tragödie eines Herzens, das in sich selbst keinen Halt hat und deshalb an der Welt zerbricht. [...]
Als Tavernier das Projekt, zu dem es bereits ein fertiges Drehbuch gab, übernahm, strich er alle dramaturgischen Ergänzungen aus dem Skript heraus. Kulissenzauber und historistischer Prunk haben diesen Regisseur nie gereizt. Was ihn interessiert, ist das Weltgefühl seiner Helden, die Art, wie sie Landschaften wahrnehmen, Entfernungen, Räume. Ein großer Teil des Geschehens in ”Die Prinzessin von Montpensier” spielt sich im Reiten oder Laufen ab, die Menschen reden, lieben und kämpfen, während sie unterwegs sind. Ständig sind Wagen und Pferde zu sehen, bei den Festen des Adels wimmelt es von Dienern, jeder Luxus wird mit menschlicher Mühsal bezahlt.
Dann wieder sind die Säle und Treppen des Schlosses leer, in dem der Herzog von Anjou, der künftige König, mit seiner Entourage übernachtet, und durch die Wände ihres Gemachs hören die Gäste den Streit der Eheleute von Montpensier eine Etage höher. Drückende Enge und grausige Leere, Schreie und Flüstern - es gibt nur Extreme in dieser Welt, in der die Nähe des Todes das Fieber des Lebens anheizt, die Gier nach ehebrecherischen Umarmungen, geraubten Küssen, Liebesworten unter Masken. Durch diesen Karneval der Sinne geht der Comte de Chabannes, einer jener großen Einsamen, an denen Taverniers Kino hängt, mit der Ungerührtheit eines Mannes, der alle Wünsche aufgegeben hat. Schon seine schwarze Kleidung, die sich von den Farbenspielen seiner Umgebung abhebt, weist ihn als Asketen aus.

”Und als sie nichts von dem fand, was sie sich gewünscht hatte, erschien sie sich selbst als die unglücklichste Frau der Welt ... Der Schmerz darüber, die Achtung ihres Ehemanns, das Herz ihres Geliebten und den besten aller Freunde verloren zu haben, zerbrach sie.” Bei Madame de La Fayette sinkt die untreue Marie am Ende ins Grab, bei Tavernier geht sie ins Kloster. Das ist die Konzession, die er seinem Publikum macht.
Ansonsten läßt er alles weg, was die Geschichte für Freunde der ”Borgia” und der 3D-”Musketiere” süffig machen könnte, Bettszenen, Knallereien, Kung-Fu-Gefuchtel, digitale Stadtpanoramen. Mit der wahren Freundschaft, wie sie der Graf von Chabannes verkörpert, teilt das gelungene Kostümkino die Kunst des Verzichts. Seine Form lebt von dem, was sie ausspart. Bertrand Tavernier beherrscht sie nach wie vor meisterhaft.

[...] Meine Heldin ist meine Hauptfigur Marie. Ich bin heftig verliebt in sie. Sie ist eine Rebellin. Sie will die Ursache des jahrzehntelangen Krieges verstehen. Bildung ist für sie das einzige Mittel des Widerstands gegen das Schicksal. Eine sechzehnjährige Adelige im 16. Jahrhundert hat nicht mehr Rechte als heute die Tochter aus einer fundamentalistischen Familie aus dem Jemen. Man mußte Schreiben lernen - das galt auch für die Madame de La Fayette selbst: ein Mädchen aus kleinem Provinzadel. Was sollte schon aus der werden? Bildung war das Mittel der Befreiung. Und dann die Kunst. Daß eine Frau Novellen schrieb, war revolutionär, so revolutionär, daß sie die ersten Bücher anonym erscheinen ließ und lange Zeit abstritt, die Verfasserin zu sein. Denn daß eine Frau schrieb, war ein Angriff. Darum übertrug ich das auf die Hauptfigur. Und es ist keine totale Erfindung: In der Renaissance begannen adelige Frauen, schreiben zu lernen und sich dadurch zu emanzipieren.