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Freitag, 27. April 2018, 20.00 Uhr
Verkannte Filme / Underrated Movies
THE FLORIDA PROJECT
Deutscher Titel: The Florida Project

Mit Willem Dafoe, Brooklynn Kimberly Prince, Bria Vinaite
Chefkameramann: Alexis Zabé
Drehbuch: Sean Baker, Chris Bergoch
Producer: Kevin Chinoy, Francesca Silvestri, Andre Duncan, Alex Saks, Sean Baker, Chris Bergoch, Shin-Ching Tsou
Regie: Sean Baker
USA 2016, 112 Min.
Originalversion mit Untertiteln

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Am Rande der Glitzerwelt von Disney World leben die Vergessenen der amerikanischen Gesellschaft in armseligen Motelanlagen. Regisseur Sean Baker (Tangerine) hat ihnen einen so erschütternden wie rührenden Film gewidmet, der eine solidarische Parallelwelt zeigt. Er erzählt die Geschichte von einer Sechsjährigen, die mit ihrer Mutter in einem heruntergekommen Motel im Schatten von Disney World lebt. Willem Dafoe spielt den Hausmeister, der für die Rolle seine dritte Oscar-Nominierung erhielt. Die Berlinale widmete ihm in diesem Jahr eine Hommage, verbunden mit der Verleihung des ”Goldenen Ehrenbären”.

Mutter Halley (Bria Vinaite) liegt den halben Tag im Bett, neben ihr ihre sechsjährige Tochter Moonee (Neuentdeckung Brooklynn Prince).

Einmal, die Sonne ist nach einem kurzen Regenschauer zurückgekehrt, scheinen die Farben vor Freude zu brüllen. Augenkrebs-Lila und Flamingo-Pink brüllen um die Wette, vor dunklem Gewitterhimmel, ihre Botschaft zum Highway hinaus: Dies ist Florida, machen Sie Halt! Und über dem lang gestreckten Betonriegel des ”Magic Castle Motel” spannt sich ein Regenbogen.

Moonee und ihre Freundin betrachten das Spektakel mit großen Augen und wippenden Pferdeschwänzen. ”Am Ende des Regenbogens ist Gold”, sagt Moonee. ”Ich weiß”, ruft Jancey und wirft die Arme in die Luft. ”Aber da wartet ein Kobold, der rückt es nicht raus! Wäre dieser Kobold doch nett!” ”Na komm, verprügeln wir ihn”, kräht Moonee. ”Auf geht's!” Schon rennen die beiden Sechsjährigen über den riesigen leeren Parkplatz - und hinein in jene Abenteuerwelt, die sie sich für diesen endlosen Sommer selbst erschaffen haben.

Es ist bezeichnend für den Film ”The Florida Project”, daß diese Szene nicht wie die Erfindung eines Drehbuchautors wirkt, und erst recht nicht wie die Fantasie eines Erwachsenen. Viel eher glaubt man, daß der Filmemacher Sean Baker tatsächlich einen heißen Sommer mit diesen Kids verbracht hat, daß er ihren Ideen freien Lauf ließ, um gerade noch mit der Kamera hinterherzujagen, in der knallbunten Ödnis an der Route 192, die Florida-Touristen nur im Vorbeifahren sehen. Irgendwann zeigte sich halt ein Regenbogen, und die Mädels wurden davor aufgestellt und sollten etwas sagen, und plötzlich war es ein Moment von purer kindlicher Magie.

Solche Momente gibt es in diesem Film geradezu im Überfluß. Wie Kinder spielen, wenn sie sich dem überwachenden Blick der Erwachsenen entzogen haben, auf welche Ideen sie kommen, wenn klar ist, daß niemand sie beschäftigen oder ihnen Geld für den Eintritt in die Konsumwelt geben wird - das hat man im Kino selten so überzeugend gesehen. Es erinnert an die Welten von Astrid Lindgren, die von ihrem eigenen Aufwachsen auf dem Bauernhof berichtet hat, die Erwachsenen hätten halt einfach den ganzen Tag keine Zeit gehabt - und für die Kinder erst dadurch jenes Paradies geschaffen, von dem ihre Bücher ein Leben lang zehren sollten.


Motelmanager Bobby (Willem Dafoe). Im Hintergrund das Magic Castle Motel.

Und so macht es auch keinen Unterschied, ob so ein Paradies nun im idyllischen Lönneberga liegt oder an einem Nicht-Ort, einer grellen Transit-Wüste wie Kissimmee, Florida. Dort wohnt Moonee (gespielt von einer Neuentdeckung, dem unglaublichen Wirbelwind Brooklynn Prince) mit ihrer erst 22-jährigen Mutter Halley (Bria Vinaite) im Magic Castle Motel, das all jenen Zuflucht bietet, die zwar aus ihren Wohnungen längst herausgeflogen sind, aber noch immer 38 Dollar pro Nacht zusammenkratzen. Halley ist nicht gerade überarbeitet, sie liegt den halben Tag im Bett, in einer Mischung aus liebendem Urvertrauen in ihr Kind und selbst noch kindlicher Null-Bock-Attitüde. Der Effekt auf Moonee aber ist derselbe.[...]

Wirklich zwingend aber wird die Schönheit ihrer aus dem Nichts geschaffenen Wunderwelt, weil das alles nur einen Steinwurf entfernt von Disney World spielt - und doch in einem anderen Universum. Es sind immer nur Spuren, die auf die Nähe des eingezäunten und hochsicherheitsbewachten Entertainment-Giganten in Orlando verweisen: Ein Straßenschild, das die ”Seven Dwarfs Lane” ankündigt, ein Honeymoon-Paar, das aus Versehen das falsche Hotel gebucht hat, ein Diebstahl, bei dem es um vier elektronische Disney-Einlaßbänder im Wert von 1700 Dollar geht.

Das Staunen in riesigen Kinderaugen, das Disney als Konzern zu seinem ewigen Programm erklärt hat, steht also gleich nebenan teuer zum Verkauf und erscheint doch massengefertigt, plastikummantelt und geradezu herzlos angesichts der Ideen, die Moonee, Jancey und die anderen der Mittellosigkeit ihres Lebens abtrotzen. Sie wandern zu einer Wiese mit zotteligen Kühen und erklären den Trip zur Safari, sie essen Marmeladenbrote auf ihrem umgestürzten Lieblingsbaum, und sie feiern Janceys Geburtstag mit einem Minikuchen nachts auf einem leeren Parkplatz - gerade rechtzeitig, damit das tägliche Disney-Feuerwerk im Hintergrund diesmal für sie leuchtet. So erzählt ”The Florida Project” viel greifbarer von der Ungleichheit, die Amerika zerteilt, als schwerfällige Problemfilme, die sich ihr soziales Engagement wie einen Orden an die Brust heften.

Und doch ist der Film weit davon entfernt, Armut zu glorifizieren oder die elterliche Aufsichtspflicht für überflüssig zu erklären. So wie Astrid Lindgren sich schaudernd an ein Höhlensystem erinnert hat, das sie mit ihren Geschwistern ins Heu gegraben hatte und das beim Einsturz zur tödlichen Falle geworden wäre, so lauern auch hier sehr reale Gefahren im Hintergrund. Beim Versuch, in einem leerstehenden Haus den Kamin anzufeuern, lösen die Kinder einen Großbrand aus - ein weiteres kostenloses Spektakel, das sie aber dann doch ziemlich betreten betrachten. Auch der bleiche sabbernde Mann, der sich ihnen auf dem Spielplatz nähert, muß vom Motelmanager Bobby sehr resolut vertrieben werden. Dieser Bobby ist, mit wunderbar liebender Erschöpfung, von Willem Dafoe gespielt, die wahre Elternfigur in diesem Film - schon weil sein Job verlangt, daß er ständig Grenzen setzen muß.

Seine Augen aber haben schon alles gesehen, was Armut anrichten kann, sie sind von Traurigkeit verdunkelt. Er weiß, daß Halley, die Mutter, sich nicht zusammenreißen wird, um sich in einem Job durchzubeißen - ganz gleich, wie oft er sie ermahnt. Er sieht, wie stolz sie ihren jungen, reich tätowierten Körper zur Schau stellt, und ahnt, was sie bald tun wird. Und er lächelt angesichts von Moonees Frechheit und Erfindungsgeist - weil sie das Einzige sind, was sie vielleicht retten wird, wenn der Sommer ihrer Kindheit zu Ende geht.

Tobias Kniebe: Süddeutsche Zeitung

Mutter und Kind: Bria Vinaite, Brooklyn Prince

On 15 November 1965, Walt Disney held a press conference to announce the commencement of ‘The Florida Project’. Previously known as ‘Project X’, this top secret plan had involved his company quietly purchasing 43 square miles of land in Orlando for the purpose of building his ”city of the future”, which would later evolve into Walt Disney World. While Disney’s theme parks remain a fantasy destination for millions of tourists ever year, the harsh economic realities of life in 21st century America have seen many of the surrounding neighbourhoods fall into disrepair.

Sean Baker’s The Florida Project takes place in the colourful but shabby Magic Castle motel in Kissimmee, which is largely populated by

residents living from week to week. These are the city’s hidden homeless; families who may technically have a roof over their heads, but who know that one missed rental payment could force them on to the streets. It’s a precarious situation, but Baker’s film posesses a bracing sense of humour and optimism, as we are aligned with the perspective of a six year old Moonee (Brooklyn Prince), who lives in The Magic Castle with her mother Halley (newcomer Bria Vinaite, whom Baker discovered on Instagram). For Moonee and her young friends, living in the shadow of ”The Happiest Place on Earth”, every day is an adventure, with their innocence and imagination keeping the bleakness of their poverty stricken surroundings at bay.


Im ”Magic Castle Motel”: Bobby (Willem Dafoe), Moonee (Brooklyn Prince)

In films such as Take Out (2004), Prince Broadway (2008) and Tangerine (2015); Baker has been drawn to marginalised characters and communities, but we never feel that we are peering at his chosen subjects from a distance. A director driven by genuine curiosity and empathy, he immerses us in the world of his characters and allows us to experience events from their point of view. The breakout success of Tangerine has afforded him a bigger budged for The Florida Project and the participation of established stars (Willem Dafoe is wonderful as motel manager Bobby), but he hasn’t abandoned the spirit of his micro-budget past. He still populates his films with first-time actors and embraces the unexpected occurrences that come from working in a live environment, an approach that gives his films a distinctive, unpredictable energy. [...]

Sean Baker: ”We knew The Florida Project was probably going to be the next film, because we had already started developing it before Tangerine. I think it was right around Starlet (2012) finishing up, and maybe even on the festival run, that my co-writer Chris [Bergoch] brought this to my attention, so it was something we had been thinking about for a while.”

Philip Concannon: Sight & Sound, London

Auszeichnungen (Auswahl):
Movie of the Year bei den AFI Awards; Kritikerpreis beim Filmfest Hamburg; Bester Regisseur des Jahres, London Critics Circle; Bester Darsteller bei den Festivals in Palm Springs und Santa Barbara; Oscar- und Golden-Globe-Nominierungen für Willem Dafoe als bestem Darsteller; National Society of Film Critics, New York Film Critics Circle, Los Angeles Film Critics Association und Black Film Critics Award für besten Nebendarsteller (Willem Dafoe); Preis des Woman Film Critics Circle und der Online Film & Television Association für die beste Youth Performance (Brooklyn Prince).