Nächster Film
Freitag, 3. März 2017, 18.00 und 20.15 Uhr
The Age of Kristen Stewart (3)
CERTAIN WOMEN
Deutscher Titel: Certain Women

Ensembe-Drama mit Kristen Stewart, Laura Dern, Michelle Williams, Lily Gladstone, James Le Gros
Chefkameramann: Christopher Blauvelt
Musik: Jeff Grace
Producer: Neil Kopp, Vincent Savino, Anish Savjani
Drehbuch, Regie, Schnitt: Kelly Reichardt
USA 2015, 107 Min.
Originalversion mit Untertiteln
Wiesbadener Erstaufführung

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In ihrem neuen Film verknüpft Kelly Reichardt (Old Joy, Wendy & Lucy, Meek’s Cutoff, Night Moves) drei Geschichten mit vier Frauen in Livingston, Montana: Laura ist eine Anwältin, die allein mit ihrem Hund lebt und sich bemüht, ihre Affäre mit einem verheirateten Mann geheim zu halten; sie wird mit einem aufdringlichen Mandanten konfrontiert, der sich ungerecht behandelt fühlt und zu drastischen Mitteln greift. Gina, eine ehrgeizige Frau und Mutter, baut mit ihrem Mann auf einem felsigen Gelände ein neues Haus und setzt dafür fast ihre Ehe aufs Spiel. Die junge Rancherin Jamie entwickelt eine emotionale Beziehung zu Beth, die ihr Jurastudium gerade abgeschlossen hat und als ersten Job Abendunterricht auf dem Land gibt. Die Figuren sind lose verwoben, ohne daß ein erzählerischer Kreis geschlossen würde. Der Film basiert auf Kurzgeschichten der Schriftstellerin Maile Meloy.

”Erneut erweist sich Kelly Reichardt als Meisterin, Inhalte über Bilder zu transportieren, die ohne redundante Dialoge, ohne umständliche Erklärungen auskommen und aus einer puren visuellen Kraft geschöpft sind. Kaum ein/e Filmemacher/in versteht sich darauf, Räume für die Kontemplation derart zu öffnen und dabei zugleich so eine Spannkraft und Haptik der Bilder zu erreichen wie Reichardt.” (Viennale.)


Kristen Stewart als Abendschullehrerin Beth Travis

Wer stille Filme liebt, der ist bei Kelly Reichardt gut aufgehoben. Aber wer stille Filme macht, hat es im Umfeld einer immer mehr von Effekten beherrschten Kinoszene schwer, Zuschauer zu finden. Kelly Reichardt ist gewiß nicht die einzige, die davon betroffen ist. Während andere unabhängige Filmemacher, die ähnlich wie sie angefangen haben, der Versuchung Hollywoods oft nicht widerstehen können, geht die jetzt 52-jährige den von ihr eingeschlagenen Weg unbeirrt weiter.

Es scheint sie nicht zu stören, daß ihre Filme - Old Joy, Wendy & Lucy, Meek’s Cutoff, Night Moves und jetzt Certain Women - zwar auf jedem halbwegs wichtigen Festival laufen, aber schon wieder aus den Kinos verschwinden, bevor das Publikum überhaupt von ihnen erfahren hat. Wer geht heute schon noch in Filme, die sich hauptsächlich mit dem Innenleben ihrer Figuren beschäftigen, denen die Verwandtschaft von Charakteren und Landschaften wichtiger ist als eine dramatische Story, deren Kamera halt machen kann vor einem Haufen Steine und den Bau des Hauses der Fantasie des Zuschauers überläßt? Wenn Reichardt politisch wird, und sie wird es häufig, dann benutzt sie kein Aushängeschild, sondern man muß ihre Argumente und Gefühle selbst aus den Windungen der Handlung herausfiltern. Ihre Filme sind zum genauen Hinsehen gemeint, sie verlangen Geduld und Aufmerksamkeit, sie lassen sich nicht schnell vereinnahmen und in vorgefertigte Schubladen schieben. Reichardt-Filme sind Unikate - wie Bilder und Gedichte.


Laura Dern als Anwältin Laura Wells; Jared Harris als ihr Mandant Fuller

In ihrem neuen Film Certain Women geht Kelly Reichardt einen Schritt weiter. So wie sie in jedem ihrer Filme einen Schritt weitergegangen ist. Sie hat sich drei Kurzgeschichten von Maile Meloy vorgenommen, die auf verblüffende Weise Ähnlichkeit mit Reichardts Stil und Erzählweise haben. Es sind Episoden aus dem Leben von drei Frauen, angesiedelt und grundgelegt in Montana, in der Isolation kleiner nordamerikanischer Städte und Dörfer, wo die Uhren anders gehen und die Menschen sich Zeit lassen bei ihrem Denken und Handeln. Die Geschichten sind nur lose miteinander verknüpft, sie haben kein Ende (was typisch ist für Reichardts Filme), und sie überlassen es dem Zuschauer, den roten Faden zu finden, der sie verbindet.

Auf keinen Fall läßt sich der in den gewohnten Schemata des Kommerzfilms entdecken. Wie Reichardt einmal über ihren ersten Film River of Grass gesagt hat: ”Das ist ein Road Movie ohne Road, eine Liebesgeschichte ohne Liebe und eine Verbrechergeschichte ohne Verbrechen.” In einem Porträt über die Autorin Maile Meloy hieß es unlängst in der New York Times: ”Obwohl es seltsam aussehen könnte, eine Autorin für das zu loben, was sie nicht sagt, so ist es doch gerade diese Beschränkung, die Meloy von so vielen Schriftstellern unterscheidet.”


Michelle Williams als Gina Lewis

Kelly Reichardts Filme ließen sich kaum besser beschreiben. Sie sind minimalistische Studien, in denen das Schweigen wichtiger ist als die Dialoge. Ihre Protagonisten sind meistens Frauen, alle weit entfernt von dem Frauenbild, das Hollywood-Filme nicht erst seit gestern verbreiten. Es sind einsame, nomadische Sucher, die vom Leben etwas erwarten, das sie kaum artikulieren können, das sie aber mit stolzer Zielstrebigkeit verfolgen. Zuschauer, die sich auf diese Suche einlassen, werden entdecken, daß in Reichardts Figuren etwas steckt, was wir in der Hektik des eigenen Lebens nur noch selten finden: Kraft, die aus der Stille kommt. Reichardt: ”Vielleicht ist die Welt einfach zu laut.”

Franz Everschor: Filmdienst, Bonn

Kelly Reichardt’s wonderful triptych of female character studies confirms her status as the quietest of great American filmmakers. Few contemporary filmmakers can do quite as much with quiet as Kelly Reichardt. Superficially empty soundscapes are layered so intricately with the rustle of nature, the brooding of weather and the breathing of preoccupied people that her films come to seem positively noisy to a sympathetic ear. So it is in the marvelous ”Certain Women,” where the storytelling has a similarly latent impact. Separating the spare narratives of several disparate Montana women - a morally stressed lawyer, a nest-building mother, a lonely ranch hand - waiting indefinitely for their worlds to fall into place, it’s a peculiarly riveting examination of the lives lived when even their owners aren’t looking. Crafted with Reichardt’s customary calico-textured beauty and expertly performed by such hand-picked ensemble players as Kristen Stewart, Michelle Williams and Laura Dern, this unapologetically open-ended slow burn probably won’t convert many viewers to Reichardt’s softly-softly sensibility, but it’s among her richest, most refined works. [...]

Guy Lodge: Variety, New York

Preisgekrönte Neuentdeckung: Lily Gladstone als Rancherin Jamie

[...] If Stewart’s talents take people aback, no matter how often and variously proved, one probable reason is her commitment to low-fuss, conversational directness that is rare among modern film performers, particularly in roles that accommodate flashier approaches. Instead, she has persuaded film culture to meet her where she lives - in a laconic, minutely expressive, barely laminated register of acting that’s confusable with ”just being.” Actors and filmmakers seem inspired to emulate her non-flamboyance, rather than obligating Stewart to limber up, open out, or reveal capacities for wild emotion and strenuous articulation. I would not deny that Stewart’s abilities have deepened, but in a parallel triumph, she has stretched other people’s definitions of fluency and screen presence. [...]. Sidestepping righteous volatility, curtailing the viewer’s urge to identify, Stewart insinuates dense moral dramas in the incremental shifts of her face, body, and vocal rhythm. Perhaps her closests analogue is Michelle Williams, who has also marshaled semi-opaque inwardness into a lauded acting style, but in so doing has elaborated a fairly stable notion of ”a Michelle Williams part” and even ”a Michelle Williams movie.” For all their many nuances and virtues, Land of Plenty, Brokeback Mountain, The Hawk Is Dying, Wendy & Lucy, Blue Valentine, and Meek’s Cutoff could occupy the same shelf of the video store, if those still existed. Stewart’s movies, by contrast, are less tonally and generically uniform - vampire romance, stoner comedy, Southern Gothic, science fiction, old-fashioned weepie, action spectacular, military drama, rock ’n’ roll biopic - even as her creative project feels coherent across them.


Beth (Kristen Stewart), im Rücken daneben Jamie (Lily Gladstone)

With Certain Women, we find Stewart in her first Michelle Williams movie, literally and figuratively. Her plotline builds to a point where Lily Gladstone’s comparably muffled Jamie makes a bold, impulsive gesture to impress Stewart’s Beth but prompts instead a long, wordless, semi-scrutable standoff that counts as a dramatic peak. Throughout, in fact, we never know when Beth’s friendly but terse responses to Jamie imply exhaustion, class-based discomfort, embarrassed detection of erotic feeling, or just a personal habitus. Stewart and Gladstone convey bottled-up characters without making an incongruously big show of playing reticence, or over-explicating their secrets pauses. Their exertions turn an anecdote of two people not connecting into a rare display of two actresses doing just that, in ways most movies forbid. [...]

Nick Davis: Film Comment, New York

Auszeichnungen (Auswahl):
Preis für den besten Film beim London Film Festival 2016; Beste Nebendarstellerin (Lily Gladstone) beim EDA Female Focus Award der Alliance of Women Journalists und bei der Los Angeles Film Critics Association; Platz vier bei der internationalen Kritikerumfrage der Zeitschrift Sight & Sound, London, nach den besten Filmen 2016 u.a.