Nächster Film
Freitag, 24. Juni 2016, 20.00 Uhr
Wiesbadener Erstaufführung
SARUSUBERI: MISS HOKUSAI
Deutscher Titel: Miss Hokusai Anime nach der Manga-Serie Sarusuberi von Hinako Sugiura
Buch: Miho Marui
Figurendesigner, Chefanimator: Yoshimi Itazu
Musik: Harumi Fuuki, Yo Tsujiusik
Regie: Keiichi Hara
Producer: Keiko Matsushita, Asako Nishikawa
Produktionsfirma: Production I.G
Japan 2014, 93 Min.
Japanische Originalversion mit deutschen Untertiteln

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Der Film ist inspiriert vom Leben der O-Ei, der Tochter des berühmten japanischen Malers und Meisters des Farbholzschnitts, Katsushika Hokusai (1760-1849). Sie war selbst eine talentierte Malerin, die dem Vater das ganze Leben assistierte und viel zu seiner Kunst beigetragen hat, ohne jemals als Künstlerin gewürdigt zu werden. Der Film ist die semi-biografische Geschichte einer sehr starken und eigenwilligen Frau, deren Schicksal als Spiegel der Zeit gelten kann. Er entstand im renommierten Studio Production I.G., das Filme wie Ghost in the Shell (1995) und Giovanni no Shima (Giovannis Insel, 2014) hervorgebracht hat. Die internationale Premiere fand letztes Jahr in Annecy statt, dem weltweit wichtigsten Trickfilmfestival. Zu den zahlreichen Auszeichnungen, die Miss Hokusai erhalten hat, gehören der Preis für den besten langen Trickfilm bei den Asia Pacific Screen Awards und drei Preise beim Fantasia Film Festival in Montreal.


Edo (Tokio) 1814. Es wimmelt von Bauern, Händlern, Samurais, Adligen, Dieben und Huren. Im Bild: O-Ei, die 23-jährige, älteste Tochter von Hokusai.

Es ist ohne Frage das weltweit bekannteste japanische Kunstwerk - ein in sich perfekter und harmonischer Farbholzschnitt und ein Meisterwerk des Ukiyo-e-Genres: ”Die große Welle vor Kanagawa” des Malermeisters Katsushika Hokusai, entstanden in der späten Edo-Zeit zwischen 1830 und 1836. Angeblich hat Hokusai in der japanischen Kultur auch noch den Begriff ”Manga” populär gemacht, der bis heute so ein wichtiger Teil der dortigen Kunst ist. Und auf einem Manga über Hokusai basiert auch der Animationsfilm Miss Hokusai.

Dabei hatte die bekannte Mangaka Hinako Sugiura, die sich sehr stark mit der Edo-Periode auseinandersetzte und die Vorlage zu Keiichi Haras Film lieferte, weniger den großen Meister im Fokus, sondern seine älteste, eigenwillige Tochter O-Ei. Dieser sehr aufmüpfige und erfrischende Ton, der sich aus dieser Perspektive ergibt, macht sich schon am Anfang des Films bemerkbar, wenn die Tochter über ihren Vater aus dem Off sagt: ”Dieser alte Knacker, der da eine 50 Meter weite Leinwand bemalt, aber auch schon ein Sandkorn bemalt hat - dieser alte Mann ist mein Vater.” Auch sonst ist das Familienverhältnis alles andere als gut. O-Ei ist selbst Malerin und leidet unter dem ignoranten Vater, der nichts von ihrer Kunst hält und sie weitgehend mißachtet. Schlimmer geht es da nur noch O-Eis kleiner Schwester. Sie ist blind und wird von Vater Hokusai quasi verstoßen und ignoriert. ”Vater hat Angst vor der Krankheit, also hat er auch Angst vor mir”, sagt das kleine, verständnisvolle Mädchen, das einem das Herz bricht.

Dies ist kein Biopic. Es ist mehr. Hara zeichnet das Bild einer Epoche und der Stadt Edo, die wir später als Tokio kennenlernen werden. Der Blick auf die Hokusai-Familie hat dabei nichts Voyeuristisches, sie dient dem Film als Gegenüberstellung der alten und neuen Generation, die sich in dieser Vater-Tochter-Beziehung widerspiegelt. Miss Hokusai ist aber vor allem auch ein genialer Animationsfilm, weil Hara sich der großen Herausforderung stellt, die bekannten Gemälde und Farbholzschnitte Hokusais in seiner Animation aufgehen zu lassen.

Und natürlich kommt es auch zum Nachstellen der ”Großen Welle von Kanagawa”. Doch die besonders schönen Momente des Films sind die, wenn der Film den Prozeß des Malens überhöht und die Haltung des Meisters mit der Mythen- und Sagenwelt des vormodernen Japans konfrontiert. Da geht es zum Beispiel um eine Auftragsarbeit: Hokusai soll einen Drachen malen. Doch zwei Tage vor der Abgabe macht O-Ei das Bild mit einer Pfeife kaputt. Der eingeschnappte Hokusai ist wütend, macht dem Auftraggeber klar, daß wenn er sich rächen will, er doch seine Tochter umbringen soll. Doch dann setzt sich O-Ei ran und versucht, in einer Nacht den Drachen zu malen. Sie erfährt von einem Jungen, der für sie schwärmt, daß man Drachen in einem Zug malen muß, weil die Drachen sich sonst beleidigt fühlen. Als O-Ei über der Skizze einschläft, kommt es nachts zu einem Wetterphänomen (oder einer Drachenerscheinug?), und das Gemälde ist am nächsten Morgen fertig.


O-Ei besucht ihre junge Schwester O-Nao, die blind ist.

Doch das wird nicht weiter thematisiert. Der Film ist eher eine Abfolge von losen Episoden, die sich unterschiedlichen Begegnungen der Familienmitglieder und Freunde widmen. O-Ei ist die Arbeitsmoral ihres Vaters sehr fremd. Der Alte strebt nach einer Perfektion und einer Einheit mit seiner Kunst, die sie als verjährt wahrnimmt. Sie muß sich als junge Frau nämlich auch mit dem Leben auseinandersetzen, etwas, das den Vater anscheinend nicht mehr interessiert. O-Ei ist verliebt. Gleich in zwei Männer. Dann hütet sie noch ihre Schwester und arbeitet weiter an ihrer Malerei; sie versucht - sehr modern - Arbeit und Privatleben unter einen Hut zu bringen. In dieser Alltäglichkeit liegt die poetische Kraft des Films. Die Perspektivverlagerung auf die Tochter ist einleuchtend und zeichnet ein Porträt einer sehr starken Frau, deren Schicksal als Spiegel der Zeit gelten kann. Am Ende erfährt man, daß die echte Miss Hokusai irgendwann einfach verschwand. Bis heute weiß man nichts über die Umstände ihres Todes und der Zeit kurz davor. Ganz so, als hätte sie sich ein für alle Mal von allem gelöst, was sie von ihren Zielen und ihren Träumen ferngehalten hatte.

Patrick Wellinski: kino-zeit

”Die große Welle vor Kanagawa” (ca. 1830), Farbholzschnitt aus der Serie ”36 Ansichten des Berges Fuji”, gehört zu Hokusais bekanntesten Werken.

This animated semi-biographical gem from renowned director Keiichi Hara (Colorful, Summer Days With Coo) tells the stirring story of O-Ei, daughter of, and assistant to the legendary Japanese artist Kasushika Hokusia; painter of the woodblock print masterpieces Thirty-Six Views of Mouth Fuji and The Wave off Kanagawa.

Set in 1814 Edo (Tokyo), Miss Hokusai is an elegant tale of family relationships and friendship at a time of emotional conflict and unrest. While deftly deploying a unique swathe of superb comedy and drama, the story sifts into the realm of flattering fantasy but isn’t overburdened by the kind of surrealist set pieces that adorn other Japanese fantasy features.

Based on Sarusuberi, a manga by Hinako Sugiura, the story follows O-Ei and how she helped paint many of her father’s sterling works. O-Ei cares for her younger blind sister O-Nao while fending off potential local suitors. It was also rumoured she painted some of Kasushika’s works entirely by herself. Even though the art was personally signed by Kasushika, his name was simply scrawled on the pieces to provide a greater financial incentive for potential buyers.

O-Ei is focused, caring and loyal to her family while her father Kasushika, referred to by his real name ”Tetsuzo” throughout (Kasushika Hokusia was one of his many pseudonyms), is grouchy, abortive, disillusioned yet often reflective and, despite the allegations of forgery, refused to live an opulent, materialistic life. Tetsuzo erupts into wild tantrums, discards his family wishes in favour of art and fraternises with oafish students who spend most of their time drinking with geishas.

Tetsuzo’s students are burly, competitive and insolent but their bumbling idiosyncrasies are amusing in a film that is otherwise so rousing and magical. The myriad of emotions Miss Hokusai efficiently summons are it’s key strength, as the story niftily flits through genres like historical epic, family drama, slapstick comedy and supernatural fantasy, without ever feeling ill-toned or unfocused. Paradoxically, Miss Hokusai is at its most magical during its most naturalistic moments, through heart-felt family drama and via its supple artistic design, which doesn’t overwhelm or submerge the story in outlandish, otherworldly attributes. Scenes featuring O-Ei and her younger sister O-Nao are totally beautiful. Observing O-Nao react to the clattering of a street market as it trundles past her across a bridge, conveys a natural wonder, along with the moment she smiles at the sound of snow crashing to the ground from shimmering tree tops. After a young boy realises O-Nao is blind, longing for aural stimulation, he shakes the trunk to make the snow fall for her.


O-Ei - Im Hintergrund die Ryogoku-Brücke in Edo, dem heutigen Tokio

The fact that millions of dollars are all too frequently siphoned into aneurism-inducing blockbusters that do nothing but deaden the eyes, numb the brain and pound the soul, seems all the more confounding at the sight of Miss Hokusai describing the colour of a rose to her blind, younger sister: a stunning scene with the emotional heft to rouse a tsunami of heartache, pulp a squadron of Transformers into stickle-brick particles and plant a petal in the palm of Michael Bay. Then watch him sneer and laugh maniacally as he crushes it with his giant mechanical fist.

The wide variety of characters and colourful emotions evoked make Miss Hokusai visually modest yet totally captivating and perfect for the big screen where one can fully immerse in its sublime drama and humble animation. Even a doe-eyed head tilt by the family dog successfully puckers the heart strings while heavy rock instrumentals played over bucolic backdrops will raise smiles, along with the supernaturally tinged fantasy/dream sequences. Miss Hokusai can sometimes feel a little too light on its feet, with a tendency to meander from the narrative path, but its dipping in and out of various lives and dramas, makes it all the more vibrant and unique. It’s a fanfare for classical 2D animation that prioritises story and character over gaudy visual design and empty, convoluted action. Keiichi Hara’s latest will surely stir all who experience it and will appeal to Japanese anime fans but especially to those who are more partial to The Tale of Princess Kaguya than Fist of the North Star.

Daniel Goodwin: HeyUGuys

Auszeichnungen (Auswahl):
Preis für den besten Langtrickfilm bei den Asia Pacific Screen Awards; Séquences Award für den besten asiatischen Langtrickfilm, Satoshi Kon Award für die Animation und Publikumspreis in Gold beim Fantasia Film Festival in Montreal; Preis für den besten langen Trickfilm beim Sitges Film Festival; Großer Preis beim Bucheon Animation Festival; Excellence Prize bei den Japan Academy Prizes; Asiagraph Tsumugi Prize.