Nächster Film
Freitag, 12. August 2016, 18.15 und 20.30 Uhr
Wiesbadener Erstaufführung
LA ISLA MÍNIMA
Internationaler Titel: Marshland
Mehrfach preisgekrönter Neo-Noir-Thriller mit Javier Gutiérrez, Raúl Arévalo, Antonio de La Torre, Nerea Barros
Musik: Julio de la Rosa Chefkameramann: Alex Catalán
Buch: Rafael Cobos, Alberto Rodríguez
Producer: José Félez, José Sanchez Montes, Mercedes Cantero, Mikel Lejarza, Mercedes Gamero
Regie: Alberto Rodríguez
Spanien 2014, 105 Min.
Originalversion mit deutschen Untertiteln

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Der Neo-Noir-Thriller von Alberto Rodriguez ist die Geschichte zweier Cops, die im Jahr 1980 den Mord an zwei Teenagern untersuchen - und ein Stück spanischer Vergangenheitsbewältigung.

Ermittler (v.l.n.r.): Juan Robles (Javier Gutiérres), Pedro Suárez (Raúl Arévalo)

Eigentlich ist es die alte Geschichte vom Good Cop und vom Bad Cop, die mit der Untersuchung eines Mordfalls beauftragt sind, die Alberto Rodríguez in seinem siebten Spielfilm erzählt. Der 1971 in Sevilla geborene Regisseur hat seit seinem Erstling, El factor pilgrim, alle seine Filme in seiner Heimatregion Andalusien spielen lassen. Das mag mit ein Grund sein dafür, daß der hochtalentierte Regisseur, weit weg von Madrid mit seiner Filmindustrie, während längerer Zeit international nur wenig bekannt wurde.

Auch La isla mínima spielt in Andalusien. Der internationale Verleihtitel Marshland charakterisiert treffend die Gegend südlich von Sevilla, bei der Mündung des Guadalquivir in den Atlantik. Es gibt in dieser nur schwach bevölkerten Ebene am Unterlauf von Spaniens breitestem Fluß ein unüberschaubares Gewirr von Salzsümpfen und Lagunen, aber auch von Deichen und Reisfeldern. Diese Landschaft erinnert eher an Vietnam als an die Flamenco-Seligkeit Andalusiens - und wurde vom Kameramann Alex Catalán grandios in Szene gesetzt. Hierher werden die beiden Ermittlungsbeamten Pedro (Raúl Arévalo) und Juan (Javier Gutiérrez) geschickt. Die Polizisten aus dem fernen Madrid sollen das Verschwinden zweier Töchter einer Arbeiterfamilie aus einem Dorf am Fluß aufklären. Schnell finden sie die Leichen der Teenager in einem Sumpf, nackt und mit Spuren schwerster Mißhandlungen. Bei der Suche nach Verdächtigen zeigen sich die unterschiedlichen Hintergründe der beiden Beamten. Während der junge Pedro kürzlich die Polizeischule abgeschlossen und dort auch Kenntnisse über polizeiliche Arbeit in einem Rechtsstaat erworben hat, ist der rund zehn Jahre ältere Juan, wie sich herausstellt, ein übler franquistischer Scherge und Folterer.

Die Geschichte spielt im Spätsommer 1980. Noch keine fünf Jahre sind vergangen seit dem Tod von Diktator Franco, erst seit zwei Jahren ist in Spanien eine demokratische Verfassung in Kraft. Was sich im Film etwa darin zeigt, daß miserabel bezahlte Taglöhner auf den Reisfeldern jetzt für bessere Löhne demonstrieren können, ohne gleich von der Polizei erschossen zu werden - und Mädchen können junge Männer treffen, ohne gleich heiraten zu müssen. Atmosphärisch ist die Zerbrechlichkeit der neuen demokratischen Ordnung stets präsent, und daß wenige Monate später, im Februar 1981, der Putschversuch franquistischer Nostalgiker unter der Führung des Oberstleutnants Antonio Tejero stattfindet und just 1980 der ETA-Terror seinen traurigen Höhepunkt erreicht: das wird im Fim nicht explizit ausgeführt. Doch Rodríguez hat diese Hintergründe in Interviews häufig betont, so am letztjährigen Festival San Sebastián, wo La isla mínima den zweiten Preis erhielt, und im Februar anläßlich der Verleihung der Goyas, wo der Film abräumte wie kein anderer. Die ”Transición”, wie die Übergangsjahre zwischen Diktatur und stabiler Demokratie in Spanien genannt werden, war eine Zeit, da in den Polizeikommissariaten und Gefängnissen fleissig und systematisch gefoltert wurde, aber es war auch eine Zeit von großer wirtschaftlicher Not gerade in ländlichen Regionen Spaniens. Daß Menschen damals oft nur durch Emigration oder mit illegalen Mitteln ihr Überleben sichern konnten, auch davon handelt La isla mínima - und damit schließt sich ein Kreis zur spanischen Gegenwart. Was das spanische Publikum verstanden hat, avancierte der Film doch 2014 mit einer Million Eintritten zur vierterfolgreichsten einheimischen Produktion.

Geri Krebs: Neue Zürcher Zeitung

Die Landschaft wurde von Kameramann Alex Catalán grandios in Szene gesetzt.

[...] Fünf Jahre sind seit dem Ende der Franco-Diktatur vergangen, doch der Aufbruch in eine neue Zeit läßt auf sich warten, ganz besonders im armen Andalusien. Die Menschen verharren noch immer in althergebrachten Denkweisen, und verkrustete Rollenbilder prägen den Alltag. Wer jung ist, will weg, egal wohin, denn ”überall ist es besser als hier”, sagt eine Schülerin, als sie von den Kriminalpolizisten Pedro Suárez (Raúl Arévalo) und Juan Robles (Javier Gutiérrez) befragt wird. Die beiden Polizisten aus Madrid wurden zur Aufklärung eines Mordes an zwei Schwestern in die Provinz geschickt. Doch was erst wie eine mißglückte Flucht der Mädchen wirkt, stellt sich bald als Puzzle zu einem größeren Ganzen heraus. Zu sehr gleichen die Umstände beim Verschwinden der Mädchen dem Muster von zwei früheren, ungelösten Todesfällen in der Gegend. Und plötzlich sehen sich die Ermittler mit einem möglichen Serienmörder konfrontiert.

Diese Erkenntnis verändert alles für die Polizisten, die auf den ersten Blick nicht unterschiedlicher sein könnten und deren Beziehung bisher eine rein zweckmäßige war. Schleichend beginnt sich das erprobte Handwerk des alten Hasen Juan mit den modernen Ermittlungsmethoden des Jungspunds Pedro zu vermischen. Doch je besser sie zusammenarbeiten, und je näher sie der Wahrheit kommen, desto größer tut sich ein persönlicher Graben zwischen den beiden auf. Zu vieles in Juans Vergangenheit ist suspekt. Und Pedro scheitert mit seinen hohen Ansprüchen an die Moral weniger an der Realität als an sich selbst. Psychologisch perfekt aufgebaut, symbolisiert das Duo so die Widersprüchlichkeit ihres Landes, das zerrissen wird zwischen dem Wunsch, das Alte zu vergessen, und dem Unvermögen, das Neue zuzulassen.


Links: Joaquín Varela, ”Quini” (Jesús Castro); rechts: Pedro Suárez (Raúl Arévalo)

Nicht weniger ernüchternd ist auch die Auflösung der Mordfälle. Nur zäh und widerwillig gibt das Marschland seine Geheimnisse preis, und wie ein verschwitztes Hemd klebt am Ende an fast allen Personen ein schrecklicher Verdacht. Kaum jemand, auch nicht das Publikum, kommt ungeschoren davon. Denn was in La isla mínima zu Beginn wie ein simpler Zoom schöner Luftaufnahmen hinunter auf verstaubte Landstraßen aussieht, ist in Wirklichkeit eine Reise durch erhitzte Emotionen und eiskalte Berechnung. Je deutlicher sich am Ende das häßliche Gesicht der Wahrheit zeigt, desto undurchsichtiger wird die Geschichte, bis nicht nur ein sintflutartiger Regen alles Blut und alle Tränen wegwäscht, sondern in der letzten Szene dem Publikum ein neuer, noch schrecklicherer Verdacht erwächst.

Sonja Wenger: Bieler Tagblatt

Rodrigo (Antonio de La Tore), Rocío (Nerea Barros)

Poco a poco, con paciencia de monje trapense, el realizador andaluz Alberto Rodríguez está construyendo, como quien no quiere la cosa, tal vez la más coherente de las carreras en el cine criminal que haya visto el reciente cine español. En esta, sin duda alguna, su película más redonda, por qué no, su primera obra maestra, logra además algo que ya se intuía en la anterior 'Grupo 7' (2012): la capacidad de nuestro hombre, y de su guionista, el imprescindible Rafael Cobos, para reconstruir con extremo rigor el referente histórico más o menos reciente. Aquí, una exposición del impactante fotógrafo sevillano Atín Aya le sirve de inspiración para armar un rompecabezas fascinante, se mire por donde se mire: la resolución de un doble crimen en las marismas del Guadalquivir, en el año de gracia de 1980; un escenario sencillamente primoroso, un asesinato repugnante.

La última película de Alberto Rodríguez es apasionante desde el punto de vista del género: ahí es nada reconducir con éxito hasta tres tramas criminales en una sola película, sin perder nunca de vista ninguna, y cumpliendo a satisfacción la conclusión de todas. Lo es desde el punto de vista de sus personajes. Porque si, en 'Grupo 7', la relación entre los policías tenía algo déjà vu cinematográfcamente, aquí resulta del todo inédita: lo que tienen entre ellos el policía demócrata Raúl Arévalo y el escurridizo Javier Gutiérrez (excelentes ambos, pero hay que acotar que aquí el segundo logra su mejor personaje en cine hasta la fecha) es cualquier cosa menos maniquea. Y lo es, en fin, desde el punto de vista histórico, que tal vez sea el que mejor sabe refejar el film. Ese momento de cambio, cuando muy gramscianamente lo viejo se resiste a morir, pero a lo nuevo le cuesta mucho abrirse paso (en suma, la creación de una fcción esencialmente política), nunca había sido reconstruido así en el cine español.

La incertidumbre, el horror sin nombre, la vida muelle de señoritos aburridos que se pasan de la raya, pero también la pasividad de las clases subalternas, los sueños de adolescentes que se mueren de aburrimiento y aspiran a un mundo de confort, el día a día de ir trampeando para seguir viviendo, son los elementos del puzzle. Y el resultado ya quedó dicho: una gran, inmensa película. Pegada a la realidad pero al mismo tiempo, inteligente pasatiempo. Denunciatoria pero sutil, y sin resultar machacona: el director respeta a su espectador, en un tour de force del que este siempre sale recompensado, pero con inteligencia. ¿Qué más se puede pedir?

Mirito Torreiro Fotogramas, Madrid

Auszeichnungen (Auswahl aus ca. 65 Preisen):
Goya-Preis in den Kategorien Bester Film, Regie, Originaldrehbuch, Hauptdarsteller (Javier Gutiérrez), Beste neue Darstellerin (Nerea Barros), Kamera, Originalmusik, Produktionsdesign, Kostümdesign und Schnitt; ”Silberne Muschel” für den besten Darsteller (Gutiérrez), Feroz-Zinemaldia-Preis und Jurypreis für Kamera beim Internationalen Filmfestival San Sebastián; Publikumspreis bei den Europäischen Filmpreisen; Preise des Cinema Writers Circle, Spanien, in den Kategorien Bester Film, Regie, Darsteller (Gutiérrez), Kamera, Schnitt, Originaldrehbuch und Neue Darstellerin (Barros); Premios Fénix für besten Film, Regie, Darsteller (Gutierréz) und Art Direction; Fotogramas-Kritikerpreis für besten spanischen Film; Feroz-Preis in den Kategorien Bester Film Drama, Regie, Hauptdarsteller (Gutiérrez) und Originalmusik; Publikumspreis beim Fantasia Film Festival.